Stephan Werhahn: „Europas Resilienz“

Lau-Verlag & Handel KG, Reinbek; 1. Auflage vom 22.7.2025; ISBN: 978-3-95768-276-5; 258 Seiten; 22 Euro

Europa treibt ihn um. Das scheint in der Familie zu liegen. Aber Stephan Werhahn ist mehr als nur der Enkel des großen Europäers und ersten deutschen Bundeskanzlers, Konrad Adenauer. Werhahn selbst hat in seiner beeindruckenden Berufslaufbahn als Jurist, Manager bei international tätigen deutschen Firmen, in Wissenschaft und Lehre und ebenso als Ehrenamtler sowie als aktiver Politiker vielfältige Erfahrungen gesammelt, die seine Analysen und die in seinem Buch aufgezeigten Strategien und Lösungen sehr lesenswert machen.

Deutschland steht unter vielerlei Veränderungsdruck. Europa steht seit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine ‑ auch im wahrsten Sinne des Wortes ‑ unter Feuer. Nun ist Werhahn nicht der Erste, der sich angesichts der besorgniserregenden Lage Gedanken über Auswege macht. Aber er tut es auf stabilem Gedanken- und Wertefundament. Schon in der Einführung wird klar: Sein Buch ist ein starkes Plädoyer für ein einheitlich handelndes Europa Adenauer´scher Prägung. Aber auch die Erfahrungen seines anderen Großvaters, des rheinisch-katholischen Unternehmers Wilhelm Werhahn, fließen in seine Analyse ein.

Was das Buch für mich so attraktiv macht, sind die menschlichen Maßstäbe, an denen Werhahn seine Analyse und Lösungsansätze ausrichtet. Bei der Frage etwa, welche Aufgabe der Einzelne, die Gemeinde, das Land, der Bund, die EU oder die Weltgemeinschaft jeweils erfüllen solle, gilt für ihn ganz klar das Subsidiaritätsprinzip: Jeder fängt bei sich und der eigenen Haustür an. Wenn man darüber hinaus Hilfe braucht, fragt man nicht gleich die UNO, sondern geht schrittweise vor. Städtische Verkehrsprobleme regelt eben nicht der Nationalstaat besser, sondern Kreis, Kommune oder Kiez. Das Schöne: Werhahn lebt dieses Prinzip selbst, wenn er in Erarbeitung seines Buches seine Kinder fragt, welche Probleme sie in der Gegenwart und für die Zukunft sehen und wie sie sie lösen würden.

Werhahn gliedert sein Buch klar in zwei Teile: Im ersten Teil geht es um Spannungsfelder, Herausforderungen und inhaltliche Lösungsvorschläge. Im zweiten Teil geht es vor allem um die Wege zu einem stärkeren Miteinander in Deutschland und Europa. Dabei geht Werhahn alle Themen ohne Tabus an: Migration und Flüchtlingsströme, die ausbleibende vollständige politische und ökonomische Einheit des Kontinents und die insbesondere durch europäische und asiatische Autokraten steigenden sicherheitspolitischen Herausforderungen.

Sowohl für Missstände oder Themenfelder mit Verbesserungsbedarf als auch für Lösungsvorschläge führt er konkrete Beispiele an. Für lähmende Bürokratie etwa die aufwändigen Regeln für gemeinnützige Vereine. Oder als Vorbild für nachhaltiges und ortsnahes Wirtschaften die sog. Share-Economy. Oder die École maternelle in Frankreich. Wichtig sei, voneinander zu lernen und vielleicht auch einmal frühere Gewiss- oder Gewohnheiten über Bord zu werfen. Dabei hilft sicher Adenauers Ansatz, „es kann mich niemand daran hindern, klüger zu werden“.

Mehrfach bedauert Werhahn, dass sein Großvater die Idee einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht durchsetzen konnte. Und doch habe er unbeirrt an seinem Ziel weitergearbeitet, die nationalen Egoismen zugunsten einer wahren europäischen Gemeinschaft zu überwinden. Russlands Angriffskrieg lässt Europa zusammenrücken. Das Militärische allein sollte aber nicht die Mutter allen Fortschritts sein: Vielleicht ist die Idee daher gar nicht schlecht, das europäische Bewusstsein durch eine gemeinsame EU-Olympiamannschaft zu festigen.

Auch bei der Fehleranalyse beginnt Werhahn ´im eigenen Garten´, wenn er als langjähriger Manager und jemand, der mit seinen „Institut Europa der Marktwirtschaft e.V.“ ganz sicher nicht antikapitalistisch unterwegs ist, bestimmten Akteuren deutlich den Spiegel vorhält. So berichtet er von seiner Enttäuschung in Zeiten staatlicher Wohnungsverkäufe an ferne Investoren, denen es nicht um Wohnungen oder gar Menschen ging, sondern nur um nackten Profit. Und auch bei einer seiner Schwerpunktforderungen, der Zusammenführung der europäischen Verteidigungsbeschaffung, legt er die Finger in die Wunde, wenn er Anreizsysteme der Wehrindustrie beschreibt: „Sie wollen auch noch von lukrativen Langfristwartungsverträgen profitieren. Je komplexer und störungsanfälliger die Elektronik, umso besser sind sie im Geschäft“.

Das stört ihn ebenso wie die Tatsache, dass jeder EU- oder NATO-Staat für sich Rüstungsgüter entwickelt und beschafft, statt dass man Kräfte und Ressourcen bündelt und Erfindungen teilt und gemeinsam nutzt. Also solle auch hier jeder nur das erforschen, entwickeln und bauen, was er am besten kann. Und auch gekauft wird dann gemeinsam, was die Belastung der Steuerzahler reduziert. Werhahn wird hier sehr konkret und buchstabiert die Idee einer europäischen Beschaffungsagentur für Rüstungsgüter detailliert aus – von der Arbeitsteilung auf Basis der unterschiedlichen Kompetenzen über den Sitz bis zur Rekrutierung von Mitarbeitern und der Kontrolle und Steuerung mittels durchdachter Strukturen.

Für das politische Europa, die EU, wünscht er sich eine andere und klarere Struktur. In der Tat weicht das politische System der EU von dem in den meisten Mitgliedstaaten gewohnten Mit- und Gegeneinander von Regierung und Parlament ab. Werhahn würde Europa gerne „von innen renovieren“, wie er neulich in einem Interview sagte. Zumindest müsse man es „zum Teil neu errichten“. Das ist ebenso richtig wie ambitioniert, liegt doch das Scheitern des Verfassungskonvents noch gar nicht so lange zurück. Außerdem suchen viele Mitgliedstaaten die gewaltigen Herausforderungen etwa durch die Migrationsströme mit nationalen Mitteln zu lösen, weil der europäische Geleitzug zu langsam ist. Womit die Problemanalyse Werhahns bestätigt wäre.

Warum also sollte man nicht daran arbeiten, dass das europäische Parlament künftig eine europäische Regierung wählt, der ein EU-Senat an die Seite gestellt würde, in dem jedes Land angemessen vertreten sein würde. Für mich würde das aber nur funktionieren, wenn das Subsidiaritätsprinzip strikt eingehalten und eine EU-Regierung auf abschließend festgelegte Aufgaben begrenzt wäre – so wie es unser Grundgesetz zwischen Bund und Ländern vorsieht. Was dann aber auch politisch tatsächlich eingehalten werden muss.

Werhahns Buch ist eine echte Leseempfehlung, weil es einer klaren Gliederung folgt, seine Analysen fundiert und seine Strategien und Lösungen logisch konsistent sind. Das macht sie im Zweifel für die Tagespolitik schwer verdaubar. Für die Vorstellung einer Welt von morgen aber sind sie umso wertvoller. Insbesondere die vielen gelungenen Beispiele aus der Praxis ‑ national, international, lokal – machen Mut, dass „mehr Miteinander und Sich-Austauschen, Handeln und Kooperieren“ nicht nur ein gutes Rezept für die Zukunft, sondern auch praktisch umsetzbar ist. Insofern sollte der Schlussruf „We can do it“ nicht ungehört verhallen, sondern uns alle mitreißen.

Für die Mitglieder unseres gemeinnützigen Vereins „Europa sein – Paneuropakonferenz“ haben wir für den 8. Oktober 2025 ein exklusives Treffen mit dem Autor in Berlin geplant. Wir sind dankbar für diese Chance und freuen uns auf den Austausch.

PS vom 20.10.2025: Ein Bericht über dieses Gespräch und unsere gesamte „Herbstuniversität“ findet sich hier in unserem Vereins-Magazin « Fœnix ».

Ansgar Hollah, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Europa sein“ e.V., Kehl / Berlin, 16.9.2025