Sonnige oder launische Stimmung ?
Für Millionen oder gar Milliarden von Menschen auf der Erde war der 12. August 2026 ein mit Spannung erwartetes und seltenes kosmisches Ereignis. Der Durchgang des Mondes vor der Sonne hatte sich für uns Europäer zuletzt 1999 ereignet und wird erst 2081 wieder stattfinden. Diese neuerliche Sonnenfinsternis kam Frankreich sehr nahe und war entlang der französisch-spanischen Grenze fast total. Dort strömten Scharen von Menschen mit Schutzbrillen herbei, um das Spektakel zu beobachten, ohne ihre Augen zu beschädigen. In Biarritz an der Atlantikküste im äußersten Südwesten Frankreichs verdeckte der aus dem Nordosten kommende Mond um 20:27 Uhr bis zu 99,5 % der Sonnenoberfläche. Nach Osten und Norden hin nahm das Ausmaß des Phänomens allmählich ab: Die Bedeckung erreichte 97,9 % in Toulouse, 96,4 % in Marseille, 95,1 % in Nizza, 95,8 % in Nantes, 92,2 % in Paris, 90,4 % in Lille und 89,9 % in Straßburg. In Spanien herrschte vollständige Bedeckung. „Viva España!“
In ganz Europa kam es daher, noch vor Einbruch der Dunkelheit, zu einem kurzen Dunkelsheitstiefpunkt, von einem erneuten Aufhellen des Himmels gefolgt. So gab es, innerhalb von 24 Stunden, zwei Sonnenuntergänge und zwei Sonnenaufgänge. Die größte Begeisterung herrschte im französischen Fernsehen, das selbst dort, wo eine Wolke das Phänomen verdeckte, durchweg begeisterte Zuschauer fand. Niemand gab zu, zumindest am Bildschirm, enttäuscht gewesen zu sein, wie wir bestätigen können, da wir das Spektakel absichtlich im Fernsehen und nicht live miterlebt haben. Uns interessierte vor allem die Einstellung unserer Mitmenschen zu diesem Ereignis. Kommentatoren verwendeten zahlreiche positive Begriffe, von kosmisch bis magisch, um dieses astronomische Phänomen zu beschreiben: „eine Art kosmische Verbindung“, „eine doppelte magische Dämmerung“ waren nur einige Beispiele.
Diese beiden Himmelskörper haben seit jeher die Fantasie beflügelt. Man könnte es mit dem Dichter Saint-John Perse sagen: „Die Sonne wird nicht namentlich erwähnt, aber ihre Gegenwart ist unter uns.“ Und zwar eine besonders starke Gegenwart in den letzten Monaten, angesichts der Hitzewellen (fünf bis sechs in Europa bis Ende August). Andererseits darf niemand die Bedeutung des Mondes für die menschliche Psyche leugnen. So sagt man im Französischen über jemanden, der schlechte Laune hat: „il/elle est mal luné(e)“ (er/sie ist schlecht gelaunt), und über jemanden, der launisch ist: „il est lunatique“ (er/sie ist launisch). Das romanische Wort „lune“/“luna“ (für „Mond“) ist also in den germanischen Sprachen nicht gänzlich verschwunden, obwohl es durch „Mond“ (deutsch) bzw. „moon“ (englisch) ersetzt wurde, um den Himmelskörper zu bezeichnen. Ein Deutschsprachiger sagt in der Tat: „er/sie ist schlecht gelaunt“. Wir nehmen daher an, dass das Wort „lune/luna“ für „Mond“ in den romanischen Sprachen dem deutschen Wort „Laune“ wurzelmässig entspricht, was in den germanischen Sprachen „Stimmung, Gemütszustand, eben Laune“ bedeutet.
Es ist außerdem anzumerken, dass in den romanischen Ländern „la lune“ (der Mond) eine weibliche Göttin ist, während in den germanischen Sprachen „der Mond“ ein Gott im männlichen Sinne des Wortes ist. Umgekehrt zu „Le Soleil“, Latein : sol, solis (in den romanischen Sprachen männlich).
Ein in Frankreich heute noch sehr bekanntes Lied des seligen Charles Trenet lautet: „…“Die Sonne hat sich mit dem Mond verabredet / Doch der Mond ist nicht da und die Sonne wartet / Hier unten wartet oft jeder für sich / Jeder muss dasselbe tun / Der Mond ist da, der Mond ist da / Der Mond ist da, doch die Sonne sieht ihn nicht / Um ihn zu finden, braucht man die Nacht.“ Man muss also auf die Nacht warten, um nach dem Mond zu greifen. Und dann küsst der Mond die Sonne auf dem Mund. (Jean-Paul Picaper. C’l’Europe. 13. August 2026) (vgl. die französischen Gedichtstexte hiermit in der französischen Fassung unseres Magazins – teilweise unübersetzbar)
