Sarah Cohen-Fantl „Wie alles beginnt und sich jetzt wiederholt“

Sarah Cohen-Fan Wie alles begann und sich jetzt wiederholt: Meine jüdisc (Relié) - Photo 1/1

Meine jüdische Familiengeschichte. Bonifatius Verlag. Okt. 2025. 22 €, ISBN 978-3-98790-100-3.

Viele Menschen verpassen ungewollt ihre Bestimmung, weil sie sie nicht erkennen, wenn sie sie ruft. Andere weichen ihr aus, wenn sie  ihr begegnen, weil sie zu schwer zu tragen wäre. Wenige entschlüsseln das ihnen gegebene Zeichen, treten dennoch vor der  Verantwortung zurück, weil sie sie als zu Schwer empfinden. Nur einige, wie Sarah Cohen-Fantl, erfinden ihr Leben neu, um dem Ruf zu folgen.

Finden sie dann ihren „Weg nach Damaskus“? Dieser christliche Ausdruck bedeutet, den eigenen Weg zu verlassen, um einen neuen zu finden, mit dem man sich identifiziert und den man leidenschaftlich lebt. Dies kann geschehen, wenn man einmal im Leben, in einem unerwarteten Moment, an einem ungewöhnlichen Ort, einer bedeutsamen, aufschlussreichen Botschaft begegnet. Es ist der entscheidende Moment, in welchem man der eigenen Bestimmung folgt.

Genau das ist der deutschen Autorin dieses Buches, geb. 1987 in Hamburg –kürzlich widerfahren. Sarah Cohen Fantl wusste, dass ein Großteil ihrer Familie väterlicherseits deutsch-jüdischer Herkunft war und in Prag gesellschaftlichen Erfolg erlangt hatte. Ihre Familie, die sich vollständig integriert hatte, war Opfer des Holocausts geworden: 67 Tote in  der Shoah und nur 3 Überlebende. Doch sie fühlte sich nicht direkt betroffen. Ihre fesselnde und gefährliche Karriere als Journalistin, genauer gesagt als Kriegsberichterstatterin nahm sie sie völlig in Anspruch. Erst ein Schock-Ereignis brachte sie zum Umdenken.

Um es kurz zu machen: Wie einige von uns, wie viele Touristen und Geschichtsinteressierte, wie Schulklassen, hatte sie einst die Stätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz besucht, jenen Abgrund der Hölle auf Erden, den Hitler, Himmler und ihre Schergen dort geschaffen hatten. Und da stand sie nun, schaute auf die hinter einer Glasvitrine ausgestellten Habseligkeiten der Opfer, und stieß auf einen Koffer mit dem Namen ihrer Urgroßmutter Zdenka Fantl, einer jüdischen Frau aus dem Prager Bürgertum, die dorthin deportiert und ermordet worden war. Der Gegenstand war etwas abgenutzt, doch die Schrift war klar leserlich, und sie verstand die Botschaft.

 Bis dahin hatte Sarah diese Vergangenheit kaum verarbeitet. Doch ihre Großtante Helga, die letzte Holocaust-Überlebende der Familie, bestärkte sie in ihrem Vorhaben: „Schreib ein Buch über unsere Familiengeschichte, damit sie nicht in Vergessenheit gerät.“ Sarah war väterlicherseits jüdischer Abstammung, was in der jüdischen Tradition keine absolut  sichere jüdische Identität verschafft. Daher musste sie ihr Leben neu aufbauen und diesen Weg zurück zu ihrem „Ich“ in einem Buch darstellte. Sie musste  die gesamte sozio-religiöse Tradition neu erlernen und zu ihren Wurzeln zurückkehren, indem sie ihre Vorgeschichte schriftlich rekonstruierte. „Eine Heimat besteht aus Menschen, nicht aus einem Ort“, schlussfolgert sie (S. 73).

Nach und nach knüpfte sie wieder an ihre Familiengeschichte an, sammelte Informationen über jedes einzelne Mitglied und deckte die Fehler und die Unterschätzung des im Naziprogramm damit verbundenen Risikos auf. Dieser plötzliche Umschwung des sozialen Zusammenhalts, der die meisten zu einem Tod führte, den sie sich in der ihnen bekannten zivilisierten Welt Europas nie hätten vorstellen können, sollte uns allen heute als warnendes Zeichen gelten. Eine Welt, in der Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu Außenseitern in den Augen ihrer Nachbarn und Gleichaltrigen plötzlich wurden, sobald sie gezwungen wurden, den gelben Stern zu tragen.

Alles wird in dem Buch beschrieben. Die Situationen, die Ängste, die Familienkrise: „Zdenka, wir werdendoch nicht alles aufgeben, was unser Leben hier ausgemacht hat, und am Ende in New York Geschirr spülen“, sagte der Ehemann, als die Ehefrau das Exil nach England vorbereitete – einen Plan, den sie aufgeben musste, weil er glaubte, alles würde vor Ort wieder gut gehen und wäre halb so schlimm. Wer kann sich das Unvorstellbare vorstellen? Die Tage in Auschwitz, aber auch die Haft wie in Theresienstadt. Die Tragödie war nicht immer sofort ersichtlich. Die Nazis begingen das Verbrechen schrittweise, zuerst heimtückisch, dann massenhaft und brutal.

Dieses Buch erzählt von Sarahs Bekehrung zum Judentum und von der Identitätskrise, die der Anblick des Koffers in ihr auslöste. Sie folgte dem inneren Ruf, indem sie nach Israel zurückkehrte und Alija machte (S. 67). Dieses Erinnerungswerk ist zugleich spirituell und intellektuell, aber auch historisch, präzise und konkret. Tomasz, ein junger Überlebender der Familie wog bei seiner Befreiung 1945 bei einer Größe von 1,75 Metern nur 27 Kilogramm. Sarah berichtet über alles, die Misshandlungen, Schläge, Tritte,die Entmenschlichung durch den Hungertod, den allgegenwärtigen täglichen Tod und schließlich die Todesmärsche von Auschwitz nach Buchenwald. Es gab zwar Befreiungen durch die sowjetische Armee, aber auch Gruppenvergewaltigungen durch dieselben Russen.

Die Familiengeschichte von Sarah Cohen-Fantl  ist nicht einfach nur ein weiteres Buch über „die Lager“,über “ die Shoah“,  sondern ein persönliches Dokument. Es geht um die Rekonstruktion der Enkelin einer massakrierten Familie, wiederauferstanden durch die Feder der großen Journalistin, die sie geworden ist. Unverzichtbare Lektüre, insbesondere mit Bezug auf den zweiten Teil des Buchtitels, und zwar auf das Pogrom vom 7. Oktober 2023 in Süd-Israel, das ihre Überzeugung bestätigte, dass die Gefahr leider nicht ausgerottet ist. (Jean-Paul Picaper)