Reiner Haseloff mit Robert Burdy; Herder Verlag GmbH, Freiburg i.Br., 1. Auflage vom 14.9.2026; ISBN (Print): 978-3-451-07396-0; 256 Seiten; gebunden und mit Schutzumschlag: 22 Euro
Die ersten Wahlkampfschlachten des Jahres sind geschlagen, Sachsen-Anhalt hat gewählt. Ein Paukenschlag! Und nun? Kehrt Friede ein, Versöhnung zwischen den Lagern und ein neuer Gemeinsinn? Ist der Weg in die Zukunft nun hell und klar? Oder werden die Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft nun abgerissen und komplett neu gebaut? Koalitionsregierungen verhindern das zum Glück – allerdings zugleich oftmals zum Missfallen des Publikums.
Wie dem auch sei: Wer immer sich auf den Weg macht, die nächsten fünf Jahre zu prägen, sollte den ehrlichen Blick zurück auf vergangene Erfolge – und auch Misserfolge – wagen und sich dabei auch des eigenen geistigen und moralischen Rüstzeugs vergewissern. Was treibt mich an? Wo wollen wir hin? Ein schlicht verklärender Blick zurück hilft dabei aber sicher nicht. Weder in Gestalt der alles Böse ausblendenden ´Ostalgie´, wie sie ganz links und ganz rechts so beliebt ist. Aber auch nicht der bei Konservativen so verbreitete Ansatz des ´früher war alles besser´ – war es nämlich nicht. Wie aber findet man Orientierung? Rainer Haseloff danach zu fragen, ist eine gute Idee. Und wenn das Ergebnis dann noch einem gut lesbaren Buch festgehalten wird: Umso besser!
Haseloff war von 2011 bis 2026 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Um als Ratgeber und von allen akzeptierter ´elder statesman´ zu fungieren, liegt seine aktive Zeit vielleicht noch nicht lange genug zurück. Aber er hat eine beeindruckende Vita, aus der sich seine Persönlichkeit und seine Motivation für sein politisches und gesellschaftliches Engagement erschließen lässt: Katholik in der DDR, NVA-Verweigerer, Physiker im Umweltschutz, Arbeitsamtsdirektor, stellv. Landrat, Staatssekretär, Minister und schließlich Ministerpräsident seines Heimatlandes. Es lohnt sich also, ihm – der nicht zu den Marktschreiern gehört – zuzuhören.
Für sein „politisches Vermächtnis“, wie sein Verlag das Buch anpreist, hat er zudem einen perfekten Mit-Autor gefunden: Robert Burdy, Sozialdemokrat, Journalist, Autor, Kommunikationsexperte – ein ´westdeutsch sozialisierter Kölner´, der für die ARD und den mdr gearbeitet hat.
Diese beiden haben ein Buch vorgelegt, das deutlich mehr ist als ein politischer Nachlass. Es ist, der Verlag bringt es auf den Punkt, ein „kämpferischer Appell für mehr Demokratie“. Moment? „Mehr Demokratie“? Haben wir da Mängel? Offenkundig ja, wenn Protest- und Anti-Parteien derartige Erfolge feiern und die konstruktive Mitte erodiert. Hier genau hinzuhören, den tieferen Ursachen auf den Grund zu gehen und zu verstehen, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt mehr politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche bewältigt haben, als – sagen wir – die Niedersachsen, ist ein wesentlicher Mehrwert dieses Buches. Außerdem macht das Lesen Freude!
Köstlich sind schon die Überschriften der elf Kapitel: „Das C und DU“ etwa, „Heiße Luft bringt Auftrieb – die blaue Partei“ oder „„Hansel und Greta verliefen sich im Wald“. Die Botschaften dahinter bieten jede Menge Erklärungen für alle, die Politik beobachten und bewerten. Vor allem aber bieten sie Be-Denkstoff und Orientierung für jene, die sich politisch an der Gestaltung unseres Landes beteiligen wollen. Ein Satz etwa wie „Freiheit ist oft nur noch irgendwas zwischen gebührenfrei und textilfrei“ legt charmant offen, welche Fehlentwicklungen der gesellschaftliche Mindset genommen hat. Ebenso richtig der Hinweis auf einen Ausspruch Barak Obamas, dass sich niemand für ein Konzept begeistere – „Die Menschen begeistern sich für Gefühle“. Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl tauchte diese Erkenntnis auch hierzulande wieder auf.
Schön auch die Auseinandersetzung mit dem politischen Modebegriff ´Gerechtigkeit´, dem ja kein objektiver Maßstab zugrunden liegen kann. Gleichwohl ist er für viele politische Akteure die zentrale Maßeinheit für die Bewertung politischer Ideen. Was aber ist ´generationengerecht´, ´geschlechtergerecht´, ´leistungsgerecht´ oder ´sozial gerecht´ genau? Misst man das in Euro und Cent? Oder ist das ´…gerecht´ lediglich ein Schlagwort zur moralisch unterlegten Abwehr von Gegenargumenten, mit dem sich die empörungskulturellen Reflexe der modernen Medienwelt perfekt bedienen lassen oder dem „zelebrierten Individualismus“ Tribut gezollt werden kann? So jedenfalls kommt es mir oft vor, wenn ich die Debatten in vielen politischen und journalistischen Beiträgen zu verstehen versuche.
Was zu einem weiteren Punkt führt: Als Christ ist Haseloff sich der irdischen Endlichkeit bewusst. Und geht davon aus, dass in jedem Gegenüber ein Ebenbild Gottes steckt. Das führt zu der Erkenntnis: „Veränderungen, Scheitern, Neuversuch, immer wieder neu Machen gehören zum Leben dazu – auch zum politischen Leben“. Die „deutsche Neigung zur endgültigen Lösung jeglichen Problems“, die häufig die politischen Debatten bestimmt und Lösungen verzögert, stößt einem daher umso mehr auf. Haseloff geht es „nicht um Perfektion. Es geht um Abwägung“. Aber auch andere fast schon philosophische Betrachtungen wie „Misstrauen ist das Gegenteil von Gottvertrauen“ zeigen auf, welch produktive und optimistische Wirkung eine feste Verwurzelung im Glauben sein kann.
Gut, und wirklich lesbar, beschrieben sind auch die Hinweise, dass Politik sich heute oftmals mehr auf Machterhalt statt auf Problemlösungen konzentriert. Und dabei oft vergisst, dass man nur Probleme lösen sollte, „die wir auch haben!“. Ansonsten produziere man nur „heiße Luft für den weiteren Auftrieb der AfD“. Viele schöner kann man kaum beschreiben, dass eine ´vom-Hörsaal-in-den-Plenarsaal-Politik´ den Kontakt zur Realität verloren hat und dabei ebenso destruktiv ist wie die „düstere Bunkermentalität“, die allzu oft schlicht in ´Wir´ und ´Ihr´ spaltet. Und unter ´Meinungsfreiheit´ immer öfter missversteht, dass man seine Meinung „unwidersprochen“ sagen können muss. So weit kommt es noch!
Weitere Gedankengänge, die hoffentlich möglichst viele Menschen in dem Buch nachlesen, sind etwa „Was fehlt in Deutschland, ist nicht Vielfalt. Was fehlt, ist ein Selbstverständnis großer der Anteile der Bevölkerung, dass sie Teil einer kulturellen Wertegemeinschaft sind“ oder auch „Wir sind durch unseren Wohlstand so verwöhnt und durch die Konsumgesellschaft so anspruchsvoll geworden, dass wir den Staat und seine Politik als eine Art Glückslieferanten behandeln“.
Wer Reiner Haseloff zu seinem Buch hören will, dem sei eine Präsenz-Veranstaltung auf der Frankfurter Buchmesse empfohlen am 6.10.2026 ab 20 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main.
Ansgar Hollah, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Europa sein“ e.V., Kehl / Berlin, 15.9.2026

