In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ am 13. Mai 2026 bekräftigte Jordan Bardella, der französische Präsident des „Rassemblement National“ (RN), [1]der größten Partei der französischen Rechten, sein Bekenntnis zur deutsch-französischen Freundschaft, zur Europäischen Union und zur parlamentarischen Demokratie. Er unterstrich zudem seine Ablehnung der rechtsextremen AfD und seinen Wunsch, die europäische Einheit gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen und die Autonomie der EU zu bewahren, während sich die USA von ihr abwenden.
Vom Vorsitzenden einer Partei kommend, die von der Mehrheit der französischen politischen Klasse als rechtsextrem, euroskeptisch und faschistisch eingestuft wird, waren diese Äußerungen unerwartet. Aber das französischen Volk sieht es offensichtlich anders. J. Bardella ist seit 2021 Vorsitzender einer Partei, die von den Medien wenig erwähnt wird, außer um sie zu stigmatisieren. Stattdessen konzentrieren sich die Medien auf selbstverliebte Pariser Persönlichkeiten, die von den eigenen begrenzten Ideen besessen sind.
Es überrascht daher nicht, dass Bardella eine ausländische Zeitung aufsuchte, um seine Positionen zu verdeutlichen. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen musste der RN außerhalb Frankreichs nach Wahlkampfgeldern suchen, da französische Banken ihm diese verweigerten. Das poststalinistische Russland vom Europafeind Wladimir Putin stellte eine Anleihe bereit. Derselbe Prozess findet diesmal statt, doch die mediale Unterstützung kommt selbstverständlich nicht aus Russland, sondern aus dem Land vom CDU-Politiker Friedrich Merz, dem demokratischen Verbündeten Frankreichs.
Es ist kein Zufall, dass Bardella im Präsidentschaftswahlkampf auf deutschem Boden und noch dazu in Frankfurt, dem Sitz der Europäischen Zentralbank und dem Finanzzentrum Deutschlands und Europas, diesen entscheidenden Schritt unternahm. Und dies in der Zeitung des liberalen Establishments und der deutschen Wirtschaft. Michaela Wiegel, die langjährige Frankreich-Korrespondentin der „F.A.Z.“, die Frankreich und seine Realitäten sehr genau kennt, führte das Interview mit ihrem Kollegen Niklas Záboji.
Die Überschrift des „F.A.Z.“- Interviews lautete: „Bardella umwirbt Merz und kritisiert die AfD“. Dieses überraschende Interview deutet auf eine bedeutende Wende des RN hin zu einer europäischen demokratischen Partei innerhalb eines Dreierbündnisses mit Deutschland, Italien und Frankreich, [2] dem neuen Kern der EU, sollte J. Bardella im nächsten Jahr zum französischen Staatspräsidenten gewählt werden.
Als RN-Vorsitzender seit 2021 drückte er sich sehr deutlich und in einer für seine Partei ungewöhnlichen Weise aus. Dies dürfte Bundeskanzler Friedrich Merz erfreut haben, für den die AfD mit ihrem Putin- und Nazi-freundlichen Flügel ein ernstzunehmender Gegner ist. Michaela Wiegel sprach den heiklen Punkt gleich zu Beginn des Interviews an: „Herr Bardella, Bundeskanzler Merz betonte, der französische Präsident sei ‚sein Freund, wie auch immer er heißt‘. Suchen Sie die Freundschaft des deutschen Regierungschefs?“
Die Antwort war eindeutig: „Ja, der französische Präsident ist der Freund des Bundeskanzlers, und das soll so bleiben. Unsere Länder haben es geschafft, nach einer schmerzhaften Geschichte eine dauerhafte Zusammenarbeit zu begründen. Über unsere Meinungsverschiedenheiten hinaus bilden die deutsch-französischen Beziehungen das Fundament Europas. Sie sind unerlässlich, um die Unabhängigkeit und strategische Autonomie der europäischen Nationen zu sichern‘“
Diese Aussagen des Kandidaten, der laut aller Umfragen gute Chancen hat, in einem Jahr zum französischen Präsidenten gewählt zu werden, sind bedeutsam. Sicherlich wird ihm die alte Garde der französischen Rechten diesen „Verrat“ nicht verzeihen, doch J. Bardella will seine Partei erneuern und verjüngen. Sicherlich würde ein Großteil der Neogaullisten (Les Républicains, LR) ihm in der Not beistehen. Dagegen würden das Renaissance-Zentrum vom scheidenden Präsidenten Macron sowie die Sozialisten (PS) ihm zusammen mit den Ultralinken (LFI) den Weg zum Präsidenten- Palast „Elysée“ versperren.
Wird es auf europäischer Ebene, ganz in der Tradition von Robert Schuman und Konrad Adenauer zur Bildung eines Duos Merz-Bardella kommen? Ähnlich wie das Trio Schuman-Monnet-Adenauer, wie das Tandem De Gaulle-Adenauer, gefolgt von Schmidt-Giscard, Kohl-Mitterrand und Merkel-Sarkozy ? Diese Politiker haben allesamt die Europäische Union geprägt und gefestigt. Doch diesmal könnte sich eine Dreierpartnerschaft deutsch-französischer art mit einer Italienerin formieren.
Tatsächlich besiegelte Giorgia Meloni im Januar 2026 in Rom mit Bundeskanzler Merz einen beispiellosen bilateralen „Aktionsplan“. Weit davon entfernt, mit dem deutsch-französischen Motor der EU zu konkurrieren, ist diese neue Initiative, wie zuverlässige Quellen bestätigen, der Beginn eines pragmatischen deutsch-französisch-italienischen Trilateralismus zur Revitalisierung des europäischen Projekts. Bardella sicherte sich die Unterstützung Deutschlands und Italiens vor seinen Konkurrenten im Rennen um den Élysée-Palast. Und die italienische Ministerpräsidentin fühlt sich ihm auf natürliche Weise verbunden.
Frau Meloni stammt aus einer postfaschistischen italienischen Partei, die dem französischen Front National (FN) bei seiner Gründung 1972 durch Jean-Marie Le Pen sehr ähnlich war. Später bekannte sie sich, wie Marine Le Pen es tat, zur Demokratie; und jetzt wie Bardella zur Europäischen Union und sie gründete die Partei „Brüder Italiens“. Sie unterstützte auch die Verteidigung der Ukraine gegen den Aggressor Putin. Und all dies lange bevor der Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen und Jordan Bardella als rebellischer Ableger des Front National (FN), denselben Kurs wie die Italienerin einschlug.
In seinem „F.A;Z.“-Interview hat Bardella, wie Meloni, von der finsteren ersten Jahren seiner Partei Abstand genommen. Er widerlegte insbesondere den häufig erhobenen Vorwurf gegen den RN, er wäre auf postnationalsozialistischen Fundamenten aufgebaut worden. Dagegen weist Bardella in der deutschen Zeitung darauf hin, dass Mitglieder der französischen Widerstandsbewegung im Krieg gegen die Nazis, wie der Christdemokrat und Gaullist Georges Bidault, ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern des FN gehört hatten, Auch von ihnen wurde Marine Le Pen beseelt, als sie die Nabelschnur des aktuellen RN zum früheren FN abschnitt. Gegenüber der „F.A.Z“ erläuterte Jordan Bardella, von einem Lied von Charles Aznavour untermalt, dies weiter.Sein Zitat aus diesem Lied: „Ich gehöre zu einer Generation an, die diese Ära nicht gekannt haben kann“.
Damit rehabilitierte sich J. Bardella in den Augen der Deutschen, die stets besorgt sind, wenn das Gespenst des Neonazismus aufzieht. Die Leser der „F.A.Z.“ haben seine Gegnerschaft gegen die beiden demokratiefeindlichen Parteien zur Kenntnis genommen: LFI (La France Insoumise) auf der linken Seite in Frankreich und die AfD (Alternative für Deutschland) auf der extremen Rechten in Deutschland. Sie erwarteten von dem Mann, der aus dem Bewerberfeld zur französischen Präsidentschaft hervorgegangen ist, einen Beweis für sein europäisches und demokratisches Bekenntnis. Er lieferte ihn, indem er LFI und AfD den Krieg erklärte. Ein Jahr vor den französischen Präsidentschaftswahlen vom Monat Mai 2028 bestätigte der wahrscheinliche Kandidat des RN, einer Partei, die bis vor Kurzem als fremdenfeindlich und euroskeptisch dem ultrarechten Spektrum zugeordnet wurde, die Zugehörigkeit zur europäischen Demokratie. Eine bemerkenswerte Kehrtwende.
Oben auf der zweiten Seite seines Interviews in der „F.A.Z.“, die generell keine Farbfotos veröffentlicht, posiert Jordan Bardella majestätisch vor der französischen Flagge. Ein Beweis dafür, dass für dieses rigorose deutsches Blatt er eine glaubwürdige Verkörperung der französischen Farben ist. Dieser große Auftritt erinnert an Präsident de Gaulles Hinwendung zu Europa unter dem Einfluss von Bundeskanzler Konrad Adenauer in den 1950er und 60er-Jahren. Natürlich auf niedriger Ebene. Bardella tritt auch in die Fußstapfen einer zeitgenössischen Persönlichkeit: des neuen ungarischen Ministerpräsidenten Péter Magyar, eines Konservativen und proeuropäischen Politikers, der sich Europa zugewandt hat und im Gegensatz zu seinem Vorgänger Viktor Orbán immun gegen Putins Verlockungen ist.
Bardella zögerte nicht im Interview, die deutsche Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, zu kritisieren. Aber genauso wie er seinen Landsmann Macron kritisert. Es handelte sich nicht um eine globale Ablehnung Europas, Er hat verstanden, dass man nicht gleichzeitig Präsident der Französischen Republik und antieuropäisch sein kann. Die Rechte in Frankreich brauchte Zeit, um dieses Paradoxon zu begreifen, das die Ultralinke nie verstehn wird, da sie von der zersetzenden Anziehungskraft der russischen und chinesischen Diktaturen und vom Aufstieg des politischen Islam geblendet wird.
Abgesehen vom kometenhaften Aufstieg des jungen Bardella in den französischen Umfragen stellt dieses Interview einen wichtigen Schritt im Ablauf der deutsch-französischen Beziehung dar. Der Vorsitzende des Rassemblement National (RN) lobt Deutschland nicht wie Nicolas Sarkozy. Er macht sogar deutlich, dass er für Berlin kein einfacher Partner sein wird. So fordert er beispielsweise unter Androhung von Vergeltungsmaßnahmen, dass Deutschland den französischen Kampfjet Rafale anstelle der amerikanischen F-35 kauft. Schlägt aber auch Kooperationen bei anderen Waffensystemen vor. Diese etwas offensive Tonart ist neu. Bardella ist sicher kein Diplomat. Das künftige Abkommen zu Dritt wird auf Gegenseitigkeit beruhen.
Im gesamten Interview bekräftigte Bardella, dass er seine Partei weiter in die neokonservative Mitte-Rechts-Richtung bewegen will. Er deutet an, dass er sich Marine Le Pen angeschlossen hatte, weil sie den Weg dorthin ebnete. Doch die Verhältnisse zwischen der „Königinmutter“ Marine und ihrem „Kronprinzen“ Jordan haben sich verändert. Mit 58 Jahren, als Grande Dame der französischen Rechts aussen, übergab sie ihm den Parteivorsitz, nachdem er sein Talent und seinen Mut unter Beweis gestellt hatte. Seitdem hat sich der Frühreife Jordan Bardella mit jugendlichem Elan ins Rampenlicht gespielt und führt mit seinen 30 Jahren nun die Umfragen an. Ob Marine Le Pen fürs das höchste Amt im Staate kandidieren kann, hängt von einem Gerichtsurteil ab. Der Kern des RN würde sie unterstützen, aber Bardella Reichweite könnte breiter sein. Es ist schwer sich vorzustellen, dass er nicht für die konservativ-liberale REchte nicht kandidiert. Das Macron-Zentrum um Édouard Philippe, Gerald Darmanin und Gabriel Attal befürchtet, er werde die berüchtigte „Glasdecke“ durchbrechen, an der Marine Le Pen sich immer gestossen hat. Denn er verleiht dem Rassemblement National (RN) ein „salonfähiges“ Image. Das ist schon Westich des Rheins schwindelerregend. Wird er innerhalb eines Jahres die verkrusteten Überreste von Germanophobie und Europhobie, die in seiner Partei immer wiederkehren, endgültig wegfegen können?
In jedem Fall bekräftigte er in seinem Interview seine Absicht, sein proeuropäisches „Agiornamento“, seine „Grande Vuelta“, um es mit den Worten seiner Italienischen Eltern zu formulieren. Nur wenige Tage vor diesem Interview hatte er die unter dem Banner des RN gewählten Bürgermeister aufgefordert, die Europaflagge neben der französischen Flagge an den Fassaden ihrer Rathäuser zu hissen. Dies war eine klare Absage an „La France Insoumise“ (LFI), die Partei des ultraliken Jean-Luc Mélenchon, der Frankreich aus Frankreich und aus Europa herauslösen will.
Ein weiteres Moment im Interview unterstreicht diesen grundlegenden Kurswechsel. Während Marine Le Pens Rassemblement National weiterhin des illiberalen Wirtschaftsinterventionismus bezichtigt wird trat J. Bardella neulich gemeinsam mit prominenten Vertretern der französischen Wirtschaft auf und erklärte deutlich seine Unterstützung für eine liberale Wirtschaft. In der deutschen Tageszeitung plädiert er für unternehmerische Freiheit. Er bekennt sich zu dem Wirtschaftsmodell, das den westlichen Ländern nach dem Krieg Wohlstand brachte und uns den Sieg im Kalten Krieg ermöglichte.
Das i-Tüpfelchen ist ein Thema, das im Interview mit der sonst so nüchternen FAZ nicht zur Sprache kam: J. Bardellas Liebesbeziehung mit Marie Caroline von Bourbon-Sizilien, einer europäischen Prinzessin von königlichem Geblüt. Ein Beweis dafür, dass der junge Präsident des Rassemblement National immer noch überraschen kann. Liebe ist unpolitisch – aber nicht immer und nicht überall. Seine Auserwählte ist, wie er selbst, französisch-italienischer Abstammung. Beide sprechen fließend Italienisch neben Französisch (sie spricht außerdem Spanisch und Englisch, er vermutlich etwas Englisch). Die Eltern des französischen Rechtskandidaten waren mittellose italienische Einwanderer, die nach Frankreich gekommen waren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Beziehung zwischen ihrem einzigen Sohn, der in einem Arbeiterviertel am Pariser Stadtrand aufwuchs, und der wohlhabenden Prinzessin aus einem Palast, kann seine Anhängerschaft nur vergrößern. Diese Verbindung verleiht ihm eine menschlichere Dimension als seine Körpergröße und seine Bestseller es taten.
Die Romanze zwischen einer Aristokratin und einem Mann aus dem Volk ist den Klatschspalten nicht entgangen. Dieses Märchen aus dem wahren Leben könnte sich als Wahlkampftrumpf erweisen. Der tapfere Ritter begegnete seiner Geliebten genau zu dem Zeitpunkt, als sich die deutsch-italienische Allianz von Friedrich Merz und Giorgia Meloni formierte, um die Speerspitze Europas zu bilden. Die deutsche Politik hat gelernt, pragmatisch zu sein. Ein langfristiges Bündnis mit Emmanuel Macron ein Jahr vor dessen Rücktritt wäre eine Investition ohne Zukunft. Dagegen eint die Parteien von Bardella und Meloni bereits eine gemeinsame Vision von Europa und seiner langen, teils tragischen, teils ruhmreichen, vor allem aber rationalen und gemäßigten Geschichte. (J.-P. Picaper, ehemaliger Korrespondent in Deutschland von „Le Figaro“ und „Valeurs actuelles“, 25.05.2026)
Unsere deutschsprachigen Leser können das vollständige Bardella(Interview beim FAZ-Archiv zum Zeitungspreis anfordern: FAZ-Archiv@faz.de
[1] «Deutsch : « Nationalsammlung ».
[2] Noch jung und ein Produkt der italienischen Sozialbewegung nach Mussolini, gründete 2012 Giorgia Meloni, die nationalkonservative Partei „Brüder Italiens“ (Fratelli d’Italia) mit und führt sie seit 2014. 2020 wurde sie als Vorsitzende der Partei der Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR), einer separaten Fraktion im rechten Flügel des Europäischen Parlaments, ins Europäische Parlament in Straßburg gewählt. Der Europaabgeordnete Jordan Bardella ist kein Mitglied der EKR. Seit Juli 2024 leitet er die Fraktion „Patrioten für Europa“ (PfE) im Europäischen Parlament in Straßburg, deren Hauptbestandteil sein Rassemblement National (RN) ist, gefolgt vom Fidesz (Ungarn) und von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und vom Vïlkerbund. Matteo Salvinis (Italien). Die CRE, deren führende Persönlichkeit Giorgia Meloni (Fratelli d’Italia) ist, hat sich mit der J. Bardellas Antwort war unmissverständlich: „Der französische Präsident ist ein Freund der deutschen Bundeskanzlerin, und das muss auch so bleiben. Unsere Länder haben es nach einer schmerzhaften Geschichte geschafft, eine dauerhafte Zusammenarbeit aufzubauen. Jenseits unserer Meinungsverschiedenheiten bilden die deutsch-französischen Beziehungen das Fundament Europas. Sie sind unerlässlich für die Gewährleistung der Unabhängigkeit und strategischen Autonomie der europäischen Nationen.“
