Helmut Brandstätter. „Trump, Putin und ihre Marionetten“ *

„Ihre Marionetten“, das trifft zu, denn weder der eine noch der andere, gehören zu der Art Menschen, die Freunde haben. Der Amerikaner ist dafür zu arrogant und dominant, der Russe ist eiskalt wie der russische Norden. Ihre Marionetten sind nur Helfershelfer oder Komplizen. Beide wollen nicht geliebt, sondern bewundert und vor allem gehorcht werden.

Sie behandeln ihre Puppen allerdings nicht wie Sklaven. Sie machen aus ihnen reiche Leute, denn sie brauchen sie als Diener bei krummen Geschäften. Sagen wir es anders, politologisch gesehen sind sie wie Trump Drahtzieher in illiberal werdenden Demokratien, wie Putin in totalitaristisch verfassten Autokratien.

Helmut Brandstätter gehört zu den wenigen, die von allem Anfang an begriffen haben, dass Europa auf Selbstverteidigung angewiesen sein wird, und zwar in erster Linie, weil zwei Männer, deren Namen auf dem Cover seines Buches stehen, die EU zum Spielball ihres Wettbewerbs um die Weltherrschaft machen wollen. Unser aller Kontinentalvaterland, die EU, darf sich nicht dazu degradieren lassen, da die Folgen für uns und andere Staaten der Freien Welt verheerend wären. Insofern ist das Buch von Brandstätter extrem nützlich, falls wir unsere Freiheit und Souveränität als Europäer bewahren wollen.

Gut, dass der Buchautor den Sprung vom Journalismus in die Politik vollzogen hat. Er ist zum Europaabgeordneten geworden. Wenn wir in der sich heute ändernden “Weltordnung“, oder, genauer gesagt, „Weltunordnung“, überleben wollen, sollen wir dem Autor die Möglichkeit geben, seine lebenswichtige These zu verkünden. Bei der Lektüre haben wir einerseits Begeisterung fürs aktuelle, sehr informativ verarbeitete Thema und Abscheu gegenüber den eben genannten Politikern empfunden. Der Autor moralisiert nicht, er bleibt sachlich, aber er redet Klartext.

Es ergibt sich aus seiner Untersuchung zu allererst, dass Trump kein Politiker (im Sinne von Max Webers Buch „Politik als Beruf), sondern ein grobschlächtiger Businessman mittleren Ranges, und Putin ebenso wenig ein Berufspolitiker, sondern ein gebrandmarkter Zögling und Kader des sowjetischen Geheimdienstes KGB (später FSB) geblieben ist. Ganz anders als Fachleute der bisherigen westlichen Politik und Diplomatie, verhandeln diese scheinbar verfeindeten Politiker miteinander wie Händler auf dem Pferdemarkt.

Beide erscheinen auf sehr unterschiedliche Weise als gerissenen Burschen aber keineswegs als Staatsmänner und bei weitem nicht so intelligent, wie sie sich selbst einschätzen und die Welt überzeugen wollen, dass sie es sind. „Donald Trumps Weltbild als schlicht zu bezeichnen ist sicherlich höflich“, schreibt der Autor ( S.128). Putins Klugheit war Gegenstand einer Beeinflussungskampagne seiner ergebenen Dienste, nachdem die Russen sich eingebildet hatten, dass dessen Gegner Garry Kasparow klüger als er wäre. Dabei war Putin nicht mal schlau genug, um den Weltschachmeister ermorden zu können, wie er es bei vielen anderen seiner Gegner und bei Überläufern mit Erfolg getan hat.

Wie in einem guten Krimi verschafft Brandstätter dem Leser mit Hintergrundinformationen den Eindruck, hinter den Kulissen des Geschäfts, des „Deals“, wie Trump sagt, schauen zu können. Und das ist mehr als ein Gefühl, da er eine beeindruckende Sammlung von Personaldetails zum Kasperletheater der Höflinge und Handlanger liefert, die beide Potentaten umgeben. Selbstüberschätzung ist nicht das einzige, was Putin und Trump gemeinsam haben. Beide sind Bandenchefs, „Mafiosi“, „Paten“, muss man sagen, der eine wie ein Gangsterboss aus Chicago, der andere wie ein orientalischer Despot in seiner Festung am Rande der Steppe.

Anfangs dachte Putin, er würde der Drahtzieher vom „Kompromat“ Trump sein (dazu S. 118 die Definition: ein „Kompromittierter Informant“). Aber der Präsident der ersten Militärweltmacht ist zu stark, um erpresst zu werden. Der Politikgnorant Trump hoffte seinerseits, sich mit dem Kreml Zar als Kollegen, die Welt zu teilen, und zwar beide als Führer der beiden stärksten Atomweltmächten. Aber er musste diesen Traum aufgeben und erfahren, dass ein dritter Drahtzieher, Volkschina, Putin gegen ihn aufhetzt.

Trotz aller Kniebeugen und Nettigkeiten vor Putin, trotz des Abbaus westlicher Werte und Widerstände, trotz der öffentlichen Demütigung von Selensky ist es Trump nicht gelungen, Putin den Frieden in der Ukraine zu entlocken. Es war neulich köstlich zu sehen, wie Putin und Trump gleich hintereinander sich beeilten, Xi Jinpings Türklinke eifrig zu putzen.

Im eigenen Land haben beide, Putin und Trump, ihre politische Präsidialvormacht benutzt, erstens, um sich selbst fabelhafte Reichtümer anzueignen, und auch, zweitens, um eine Truppe von treuen Devoten um sich zu sammeln. Die Darstellung der einzelnen Gestalten in den Trump- und Putin-Riegen ist ein journalistisches und politologisches Meisterstück in dem Buch von Brandstätter.

Darüber hinaus hat der Autor die Tricks identifiziert, womit beide, aber vor allem Putin, Politiker und Staatsbürger der Freien Welt einschläfern und hypnotisieren wollen. Davor warnt der Autor insb. auf den Seiten 270 ff., etwa mit den Worten: „Im russischen TV gibt es inzwischen neben der verbalen Brutalität und den Aufrufen zum Völkermord an den Menschen in der Ukraine auch die Aufforderung an die deutsche  Politik, sich mit  Russland zu arrangieren“. So macht heute Putins Russland durch Propaganda und Einflussnahme statt mit Panzern andere Staaten zu Vasallen.

Diese Worte sollten sich die Franzosen im Zusammenhang mit ihrer aktuellen Xenia-Fedorowa-Affäre zu Herzen nehmen, da die beiden Halunken nicht nur im eigenen Staat Marionetten rekrutieren. Es handelt sich dabei um eine Pariser Polemik um eine Einflussagentin Putins, die wöchentlich Spalten und Sendungen in konservativen französischen Medien wie „Europa 1“, „CNews“, „JDNews“, produziert. Diese Herzensdame des Kremls in auswärtigem Dienst macht offensichtlich in diesen Tagen aus einem Teil der konservativ-nationalen Elite, von wohlhabenden Geschäftsleuten wie Vincent Bolloré und Bernard Arnaud zu Anführern des nationalistischen Lagers wie Nicolas Dupont-Aignant und Philippe de Villiers, echte Putin-Versteher, die die Versöhnung mit dem Kreml-Chef offen anstreben. Auf Kosten der Ukraine und Europas.

Zumindest hat sich der voraussichtliche Präsidentschaftskandidat vom nächsten Jahr 2027, der Präsident der Nationalen Sammlung (RN) in einem Interview der deutschen „F.A.Z.“ am 12.05.2026 davon distanziert und zum Europäischen Konsense bekannt, während seine Vorgängerin an der RN-Spitze, Marine Le Pen, in dem Buch von Brandstätter zu Recht als noch Putin-abhängig zitiert wird.

Gefährlicher ist es allerdings in Deutschland mit der AfD, wovon Brandstätter die extreme Putin-Nähe auf seinen Seiten 193-212 dokumentiert und stigmatisiert. Er führt für diese Deutung handfeste Argumente und Beweise, sowie Zitate von früheren AfD-Anhängern, die die Partei von Alice Weidel sowohl wegen ihrer Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie als auch wegen der Parteinahme für Putin verlassen haben. Unter den Frühaussteigern war eine Politikerin, die man heute in Deutschland etwas vergessen hat: Frauke Petry.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, schreibt Helmut Brandstätter (S.203), die Aussage von Frauke Petry vom 23. Februar 2025 im österreichischen TV-Sender „Puls24“: „Ich halte Herrn Höcke (Nummer 2 der AfD) für einen lupenreinen Nationalsozialisten, und zwar, weil er das selbst in seinem Buch, wenn man das aufmerksam liest, geschrieben hat“. Etwas weiter kommentiert Brandstätter das so: „In einer Rede zum Tage der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2022, acht Monate nach Putins Versuch, die ganze Ukraine einzunehmen, sagte Höcke ganz klar: „Wenn ich mich jetzt für das deutsche Volk entscheiden müsste zwischen dem Regenbogen Imperium, zwischen dem neuen Westen, dem globalistischen Westen und dem traditionellen Osten, ich wählte in dieser Lage den Osten“. Also ein Russland, das fortgesetzt andre Länder überfällt und unsere Freiheit bedroht“.

Brandstätter zitiert dann aus demBayerischen Fernsehendie Einschätzung des Politologen Boris Ginzburg von der FU Berlin: „Der Kreml sieht in der AfD in gewisser Hinsicht politisch eine Art Bruder oder Zwilling“. Und weiter noch erwähnt er die Worte von Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München: „Die AfD Parteichefin Alice Weidel als Kanzlerin (…) würde Trump und Putin die Füße lecken“.

Etwas ordinär ausgedrückt: dem Buchtitel entsprechend haben sie sicher bei beiden denselben Geschmack. (Jean-Paul Picaper. Verein „C’l’Europe“. Strassburg. 10.06.2026)

*Verlag Kremayr und Scherau. Wien. 2025. 292 Seiten.