In diesem Jahr haben der Straßburger Verein « C’l’Europe » und sein junger deutscher Partnerverein „Europa sein“ erstmals gemeinsam die traditionelle „Herbstuniversität“ durchgeführt – und das gleich mit einer weiteren Innovation, denn die Veranstaltung fand an zwei Orten in zwei Ländern statt: der erste Teil in Straßburg und der zweite in Berlin. Hier unser Bericht:
Am 3. Oktober (Freitag) war es endlich so weit: Mitglieder und Freunde der paneuropäischen Vereine « C´l´Europe » (Straßburg) und „Europa sein“ (Kehl/Berlin) trafen sich am frühen Morgen im Foyer de l’étudiant catholique (FEC) in Straßburg und freuten sich über das Wiedersehen.

Erster Programmpunkt war der sehr interessante Vortrag von Francine Mayran, die über ihr Projekt « Valise Mémoire » (Koffer der Erinnerung) berichtete. Mit ihrer Arbeit an deutschen und französischen Schulen bringt sie der nachwachsenden Generation die Völkermorde des 20. Jahrhunderts nahe. Dabei werden individuelle Lebenswege thematisiert, die die Schüler in Kunstobjekten und Diskussionen verarbeiten. So gelingt die Weitergabe historischer Erinnerungen an die nächste Generation. Die Diskussion im Teilnehmerkreis der Herbstuniversität zeigte auf, wie wichtig diese Arbeit auch aus Sicht der beiden Vereine ist.
Der Vortrag von Frau Mayran war ein willkommener Ersatz für den geplanten Besuch beim Eurocorps in Straßburg, der wegen der Kommandoübergabe von Polen auf Portugal kurzfristig verschoben werden musste. Hoffentlich können wir ihn im nächsten Jahr nachholen.

Im Anschluss an eine kleine Mittagspause in der Mensa des FEC (Danke!) berichteten die beiden jungen Hochschulabsolventen Ann Sophie Parma (Vizepräsidentin von « C´l´Europe ») und Kai Hollah (Vorstand „Europa sein“), in einem bebilderten Vortrag von ihrer Sommerreise 2025 nach Moldau und Transnistrien sowie nach Rumänien und Bulgarien. Insbesondere der Ausflug in das „Open-Air-Museum“ Transnistrien mit seinen Lenin-Büsten und fremden / russischen Soldaten hat einen Einblick in eine Welt ermöglicht, die viele in Westeuropa für längst untergegangen halten.

Mit diesem Thema war die Brücke gebaut zum „Litauischen Nachmittag“ der Tagung:

Er begann mit einer Grußansprache von Andrius Krivas, Botschafter Litauens beim Europarat. Seine Exzellenz, Botschafter Krivas, stellte sein Land wie folgt vor: „Litauen ist ein kleines baltisches Land mit einer reichen, oft schmerzhaften und tragischen, aber auch ruhmreichen Geschichte. Litauen blickt auf eine lange Geschichte des Kampfes für Freiheit und Unabhängigkeit zurück. Litauen hat sich zu einem demokratischen, dynamischen und modernen Land entwickelt, das die Menschenrechte achtet und in wichtige globale und regionale Institutionen wie die Vereinten Nationen, die Europäische Union, die NATO, den Europarat und viele andere integriert ist.“ Und weiter:
„Um die heutige Politik Litauens zu verstehen, ist das Schlüsselwort: die Ukraine. Die Ukraine, die die gesamte demokratische internationale Gemeinschaft und unsere westliche Zivilisation gegen Aggression und Barbarei verteidigt. <…> Wenn wir in Frieden und Sicherheit leben wollen, in einer Welt, die Gesetze, internationale Verträge und individuelle Rechte achtet und die Kultur und das Wohlergehen aller fördert, müssen wir der Ukraine die notwendige Unterstützung für einen vollständigen Sieg über das Aggressorland geben.“
– Sodann berichtete die an den Universitäten in Vilnius und Kopenhagen aktive litauische Rechtswissenschaftlerin Dr. Dovilė Sagatienė über „Die Überwindung der sowjetischen Vergangenheit in Litauen und in den baltischen Staaten“.
– Dem folgte ein Vortrag von Jolita Šilanskienė, der Präsidentin des Vereins der Litauer in Straßburg, über „Die strategische Position Litauens und die baltischen Staaten zwischen EU-Freiheit und russischem Druck“.
– Einen Blick von Frankreich auf Litauen warf Philippe Edel, Vizepräsident des Vereins der Litauer und Herausgeber der Cahiers de la Lituanie.
– Ein ganz anderes Themenfeld bearbeitete Neda Ieva Biliūtė, eine litauische Neurowissenschaftlerin, die über „Neurowissenschaften in Litauen“ und höchst interessante aktuelle Forschungsergebnisse berichtete.(alle drei Referentinnen der Reihe nach hierunten von links nach rechts)



Unsere drei Referentinnen: Dovile Sagatiené, Jolita Šilanskiené, Nedaieva Biliūtė
Nach so viel inhaltlichem Input für die 25 Teilnehmer und einer kurzen Kaffeepause ging´s in die protestantische Kirche Saint-Pierre-le-Jeune. Dort gab eszu Ehren des 150. Geburtstages des litauischen Komponisten und Malers M.K.Čiurlionis ein hörenswertes Konzert mit Lesungen aus Briefen von Čiurlionis sowie Musik mit Johannes Kraft (Orgel-Improvisationen) und dem deutschen Vokal-Ensemble Fenestra aus Freiburg unter Leitung der Litauerin Laura Škarnulytė.
Nach einem freien Freitagabend begann der Samstag (4. Oktober) mit einem Bericht des Vorstandsmitglieds und Generalsekretärin Alexandra Pignol, die Politikwissenschaft an der Universität Lyon-Saint Etienne studiert, über ihr Erasmus-Studienjahr 2024/25 an der Universität Bukarest/Rumänien. Ihre Kommilitonin Romane Mihailescu aus Straßburg, aber zurzeit ebenfalls Studentin der Politikwissnenschaft an der Uni Bordeaux, konnte wegen des Studienjahrbeginns nicht in ihre Heimatstadt kommen und uns über ihr Erasmus Studienjahr 2024/25 in Stuttgart berichten. Das wird demnächst per Video nachgeholt.

Anschließend haben sich die Teilnehmer, die sich auch von dem regnerischen Wetter nicht haben abschrecken lassen, zu Fuß die Stadt erkundet: zunächst ging es in das Europaviertel mit Europäischem Parlament und Europarat. Weitere Stationen waren der Botanische Garten und die Straßburger Neustadt (kaiserliches Viertel Straßburgs). Am Nachmittag stand dann noch ein Besuch im Planetarium der Universität an. Der Film über „Die Eroberung der Asteroiden“ und die Erläuterung des aktuellen Straßburger Sternenhimmels waren ein guter Ersatz für die ökologische Erkundung des Gebiets am rechten Ufer des Rheins, in Deutschland, worauf wir wegen des Regens verzichten mussten.
Die Straßburger Tagung fand auf Französisch, Englisch, Deutsch und in Kooperation mit dem Verband Zweisprachiges Elsass sowie mit finanzieller Unterstützung durch den Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau statt.
Sonntag (5. Oktober) war Reisetag nach Berlin. Weil eine Mitfinanzierung durch den Deutsch-Französischen Bürgerfonds abgelehnt wurde, konnte leider keine Fahrtkostenunterstützung geleistet werden, was insbesondere die Teilnahme junger Menschen am Berliner Programm verhinderte. Gleichwohl konnten einige Personen ihre Teilnahme in Straßburg und Berlin weitgehend auf eigene Kosten realisieren, so auch die Freunde vom Partnerverein „Free Russians e.V. – Russen für Demokratie“ aus München. Das war besonders erfreulich, konnten so doch die gegenseitigen Verbindungen weiter vertieft werden. Das Programm war hundertprozentig deutsch-französisch und die meisten ´unsere´ Russen besitzen auch die deutsche Staatsangehörigkeit.
Am Montag (6. Oktober) hat die 19 Teilnehmer starke Delegation die deutsche Regierungszentrale in Berlin, das Bundeskanzleramt, besichtigt. Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng, aber auch beeindruckend. Die Führung hat interessante Einblicke in die (Kunst-) Geschichte und die Arbeitsweise des Hauses und seiner Mitarbeiter gegeben.

Dem Besuch im Bundeskanzleramt schloss sich noch ein kurzer Rundgang durch das Regierungsviertel und ein Besuch im „Futurium“, dem ´Haus der Zukünfte´, an. Dort gibt es all das zu sehen, was uns in Zukunft beschäftigen und prägen wird oder was für die Zukunft wichtig sein könnte.

Der Dienstag (7. Oktober) verdient eine besondere Erwähnung: Wir besuchten nicht nur das bekannte Holocaust-Mahnmal, sondern vor allem auch die Fotoausstellung über die Opfer des Pogroms, das am 7. Oktober 2023 von der terroristischen Hamas-Bewegung verübt wurde und bei dem 1.219 Menschen im Süden Israels ermordet wurden.

Die Fotoausstellung der Opfer, die auf dem Pariser Platz am Fuße des Brandenburger Tors im Herzen Berlins installiert war, war besonders bewegend. Sie zog viele Besucher an.
Wir unterhielten uns mit einer Klasse deutscher Schülerinnen, jungen Mädchen von etwa 12 bis 13 Jahren, deren Wissensstand uns das vorherrschende Klima der Desinformation selbst in Deutschland widerspiegelten. Beispiel aus unserem Dialog: „Wer sind die Menschen auf diesen Fotos?“, fragte eine von ihnen. „Ermordete Juden.“ „Von den Nazis?“ „Nein, in Israel.“ „Aber die Bomben fallen doch in Palästina?“ Keine von ihnen hatte vom Pogrom vom 7. Oktober 2023 gehört.
Man muss davon ausgehen, dass die Lehrer aus Angst vor Repressalien schweigen. Dennoch unternehmen die deutsche Regierung und die Medien große Anstrengungen, um dem islamsitischen Revisionismus und der ´Zensur der Realitäten´ entgegenzuwirken.
Zum Abschluss der diesjährigen Herbstuniversität waren wir am Mittwoch (8. Oktober) im Deutschen Bundestag.
– Dort wurden wir begrüßt durch den Abgeordneten Andreas Jung (CDU/CSU-Fraktion), der Vorsitzender des Vorstands der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung ist. Diese gemeinsame Einrichtung zweier nationaler Parlamente ist einzigartig und zeigt, wie Frankreich und Deutschland an Motor der europäischen Einigung vorangehen.


– Inhaltlich prägender Punkt des Tages waren der Vortrag und die Diskussion mit Stephan Werhahn, Enkel von Konrad Adenauer, dem ersten deutschen Bundeskanzler, und Autor des aktuellen Buches „Europas Resilienz – für Frieden, Freiheit und Wohlstand“. Die Inhalte des Buches und die Schlussfolgerungen und Empfehlungen des Autors treffen den Kern der eigenen Vereinsanliegen (eine Rezension des Buches findet sich hier in unserem Online-Magazin Fœnix). Auch mit Werhahns „Institut Europa der Marktwirtschaften“ dürften sich Anknüpfungspunkte für weitere gemeinsame Aktivitäten ergeben.
– Anschließend hatten wir die Gelegenheit, mit dem höchsten Beamten der deutschen Parlamentsverwaltung, dem Direktor beim Deutschen Bundestag und Staatssekretär Paul Göttke, über unsere Arbeit und seine Aufgaben zu sprechen.
– Diesem höchst interessanten Austausch schloss sich eine Führung durch die Bundestagsgebäude an, bei der nicht nur die bei Besuchern weltweit beliebte Reichstagskuppel erkundet werden konnte, sondern auch Bereiche erwandert wurden, die sonst eher nicht zugänglich sind.

Ansgar Hollah und Jean-Paul Picaper
20.10.2025.
