Eine dramatische Wendung in der Vorgeschichtsforschung: Die Theorie, die das Verschwinden der Neandertaler durch genetischen Verfall erklärt, wird infrage gestellt.
Jahrzehntelang bemühten sich einige Paläontologen, zu beweisen, dass die Neandertaler nicht vom Homo sapiens, der aus Afrika nach Europa übersiedelte, ausgerottet wurden. Es hieß, beide Menschenarten hätten friedlich nebeneinander gelebt. So sind wir sind die Nachfahren des Sapiens, der ab etwa 40.000 Jahren allmählich Europa und dann den Rest der Welt besiedelte. Unsere Hautfarbe, die ursprünglich dunkel war, ist in Europa wegen der geringeren Sonneneinstrahlung weiß geworden.
Nun wurde eines der stärksten Argumente für eine relativ friedliche Ablösung des Neandertalers durch den Sapiens – nämlich die Degeneration des Neandertaler-Genoms, die die letzten Neandertaler zum Verschwinden weihte – durch eine neue wissenschaftliche Feststellung untergraben. Genome von Spätneandertaler in Europa offenbaren eine unerwartete Vielfalt und stellen diese wichtige Annahme über die Hauptursache ihres Aussterbens infrage.
Wegen ihres hohen Alters und ihrer Verbreitung über ein riesiges europäisches Gebiet sind Fossilien des Homo neanderthalensis relativ selten zu finden, insbesondere solche, die genetisches Material in ausreichend gutem Zustand enthalten, um ein hochwertiges Genom zu rekonstruieren. Bis vor Kurzem waren nur vier Exemplare bekannt, drei davon aus der sibirischen Altai-Region. In einer neuen Studie präsentieren Alba Bossoms Mesa vom renommierten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen nun ein neues, hochqualitatives Genom sowie fragmentarische genetische Daten von 26 späten Neandertalern, die kurz vor dem Aussterben ihrer Art vor etwa 40.000 Jahren lebten. Diese Daten liefern das bisher detaillierteste Bild der Diversität der Neandertalerpopulation in Nordwesteuropa. Daraus ergibt sich, dass die genetisch Resistenz des Neandertalers nicht geschwächt war. Und dieser Fund ist sehr glaubwürdig.
Das Leipziger Institut gilt als führende Institution auf diesem Gebiet. Sein Direktor, der renommierte Svante Päabo (geb. 1955), ist ein Pionier der menschlichen Paläogenetik; er entwickelte Methoden zur Extraktion und Analyse alter DNA aus fossilen Knochen. Ihm war es 2010 erstmals gelungen, das Neandertaler-Genom zu sequenzieren. Seine Arbeit belegte, dass moderne Menschen außerhalb Afrikas, aber alle afrikanischer Abstammung, aufgrund von Vermischungen in der Vergangenheit etwa 2 % (1 bis 3 %) Neandertaler-DNA besitzen. Päabo trug auch zur Entdeckung der Denisova-Menschen bei, einer weiteren ausgestorbenen Menschenart, die in Zentralasien entdeckt wurde und sich an das Leben in den Höhenlagen Tibets angepasst hatte – eine Art, die ebenfalls mit den Neandertalern verwandt ist. Man kann daher sagen, dass diese aktuelle Entdeckung eine Sensation in der Paläontologie darstellt. Bislang gab es keinen schlüssigen Beweis dafür, dass die Neandertaler durch genetische Degeneration und nicht unter dem Druck der afrikanischen Zuwanderern ausstarben. Diese immer noch vorherrschende Theorie scheint von der beschwichtigenden pazifistischen Ideologie motiviert zu sein, die unsere Gesellschaft durchdringt. Dem widerspricht die neue Entdeckung, die William Rowe-Pirra in der Zeitschrift „Pour la Science“ veröffentlicht hat.
Paläogenetiker aus Leipzig analysierten die Genome von Individuen aus etwa zehn archäologischen Fundstätten in Frankreich und Belgien, vorwiegend im Maasbecken. Darunter befand sich ein Genom von sehr hoher Qualität eines Exemplars aus einer der Goyet-Höhlen bei Namur, das vor etwa 45.000 Jahren lebte. Mithilfe dieser Daten identifizierten die Forscher mehrere genetische Linien und konnten phylogenetische Bäume rekonstruieren, die die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Individuen innerhalb derselben oder benachbarter Gruppen aufzeigen. So stellten sie beispielsweise fest, dass ein Exemplar aus der Nähe von Couvin in Belgien derselben genetischen Linie angehört wie der Neandertaler mit dem Spitznamen Thorin, der 2015 in der Mandrin-Höhle in Südfrankreich entdeckt wurde.
Frühere Genomanalysen von Altai-Exemplaren legten nahe, dass Neandertaler-Gruppen in dieser Region in kleinen, genetisch isolierten Gemeinschaften lebten. Dies hat Paläogenetiker dazu veranlasst, das Verschwinden des Homo neanderthalensis mit einem Populationsrückgang und dessen Folgen in Verbindung zu bringen: verstärkte Inzucht und damit einhergehend die Anhäufung schädlicher Mutationen im Genom. Die von Alba Bossoms Mesa und ihren Kollegen analysierten genetischen Daten zeichnen jedoch ein anderes Bild.
Die Neandertalergruppen in Westeuropa gehörten einer größeren, vernetzten regionalen Population an, und in der untersuchten DNA wurde kein spezifischer genetischer Rückgang beobachtet. Die genetische Vielfalt dieser späten Neandertaler hatte sich daher im Vergleich zu der viel früherer Individuen nicht signifikant verringert, und ihre Genome wiesen keine Anzeichen einer Anhäufung schädlicher Mutationen auf.
Ein weiterer überraschender Punkt: Die untersuchten Exemplare lebten zu einer Zeit, als der Homo sapiens bereits den europäischen Kontinent besiedelte. Dennoch wurde in den Neandertalergenomen keine Spur von Homo-sapiens-DNA gefunden. Umgekehrt trugen Homo-sapiens-Individuen aus derselben Zeit bereits genetisches Material des Homo neanderthalensis in sich. Die Gründe für diese Asymmetrie im Hybridisierungsphänomen sind weiterhin unbekannt und bedürfen zukünftiger Forschung.
Eine gewagte und zwangsläufig kontroverse Hypothese, die wir hier aufstellen, lautet: Verweigerten Neandertaler die Vermischung mit Homo sapiens, während Homo sapiens Neandertalerinnen – ob freiwillig oder gezwungen – als Sexualpartnerinnen nutzten? Zur Erklärung wurde argumentiert, dass Neandertalerinnen unfruchtbar waren, wenn sie von Homo sapiens befruchtet wurden. Dies erscheint jedoch unwahrscheinlich, da Neandertaler wie Homo sapiens der Menschenarft gehörten. Es gab keine Artengrenze zwischen ihnen. Die in allen Homo sapiens vorhandenen Neandertaler-Gene belegen dies.
Darüber hinaus behaupten viele Paläontologen, dass Neandertalerfossilknochen keine Spuren von Kriegsverletzungen aufweisen. Sie zeigen jedoch häufig Frakturen und schwere Verletzungen. Diese wurden bisher der Jagd auf große Tiere wie Auerochsen, Mammuts und Höhlenbären zugeschrieben. Warum sollten sie aber nicht auch aus Verteidigungskämpfen gegen größere menschliche Populationen stammen?
Diese Erkenntnisse stellen die demografische Verwundbarkeit bestimmter kleiner und schlecht vernetzter Populationen des späten Neandertalers, insbesondere jener in der sibirischen Altai-Region, nicht infrage. Aber sie stellen die Vermutung in Frage, die gesamte Neandertalerart sei allein aufgrund eines kontinuierlichen genetischen Rückgangs ausgestorben. Ganz im Gegenteil: In Nordwesteuropa schienen die Populationen des späten Neandertalers regional gut vernetzt und genetisch vielfältig gewesen zu sein, selbst in Zeiten klimatischer und demografischer Umbrüche. Das Rätsel um das Verschwinden des Neandertalers vertieft sich…
Könnte der „Erste Europäer“, der „Europäer schlechthin“, wie Yves Coppens ihn nannte, vom Homo sapiens, der in der Vorgeschichte in gemächlichem Tempo aus Afrika einwanderte, verdrängt und bekämpft worden sein? ((Jean-Paul Picaper. „C’l’Europe“mit dem Artikel von William Rowe-Pirra in „Pour La Science“. 19.08.2026)
