Hat die Jugend den Sinn für Humanismus verloren?
Welche Art von Jugend bilden wir heran, wenn das Mobiltelefon an die Stelle von Geselligkeit, Empathie und Wohlwollen gegenüber anderen tritt?
Humanismus muss vor allem als die Fähigkeit verstanden werden, sich um andere zu sorgen und sie als Gleichgestellte zu betrachten – als Menschen mit eigenen Schwächen und Träumen. Von Natur aus ist der Mensch auf ein Miteinander und das Leben in einer Gemeinschaft angewiesen. Doch es genügt nicht, bloß zusammenzuleben; man muss sich um einander kümmern und Verantwortung füreinander übernehmen. Eine echte Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder aufrichtig Anteil aneinander nehmen. Heutzutage erleben wir jedoch oft, dass junge Menschen kaum Interesse an den Nöten ihrer Mitmenschen zeigen. Zu sehr mit ihrem eigenen Alltag beschäftigt, fällt es ihnen bisweilen schwer, die Probleme in ihrem Umfeld überhaupt wahrzunehmen.
Während meiner neunjährigen Tätigkeit als Freiwillige in einer sozialen Mensa in meiner Heimat Portugal habe ich festgestellt, dass es immer schwieriger wird, neue Helfer zu gewinnen und junge Menschen für dieses Anliegen zu begeistern. Obwohl an Schulen regelmäßig Informationsveranstaltungen stattfinden, um Schüler für ein solches Ehrenamt zu mobil zu machen, erweist es sich als äußerst schwierig, sie tatsächlich zu überzeugen. Zwar scheint eine beachtliche Zahl Jugendlicher dem Aufruf zu folgen und ihre Kontaktdaten in ein Formular einzutragen, doch in Wirklichkeit sind es oft nur ein oder zwei, die den nächsten Schritt wagen und sich tatsächlich freiwillig engagieren. Wenn an einer Schule zwar 200 Jugendliche Interesse am Einsatz bekunden, aber nur einer diese Absicht auch in die Tat umsetzt, stellt sich die Frage, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt.
Dabei geht es nicht nur um die verfügbare Zeit, sondern auch um den Willen und die persönlichen Prioritäten. Ist Gleichgültigkeit womöglich das prägende Merkmal der neuen Generationen? Ich stelle fest, dass einerseits eine gewisse Gleichgültigkeit bei diesen Jugendlichen herrscht, andererseits aber auch ein bedrückendes Gefühl der Ungläubigkeit und Ohnmacht angesichts der Welt, in der sie leben. Sie haben den Eindruck, allein nichts bewirken zu können, und scheuen den hohen Zeitaufwand, der dafür nötig wäre; folglich kommen sie zu dem Schluss, dass es sich gar nicht erst lohnt, damit zu beginnen. Bei der Analyse dieses scheinbaren Mangels an Menschlichkeit unter jungen Menschen erscheint es mir unerlässlich, auch den Blick auf die übermäßige Nutzung sozialer Netzwerke zu richten. Diese Realität erklärt zum Teil, warum die Aufmerksamkeit für den Mitmenschen nachlässt. Jugendliche verbringen heute einen Großteil des Tages in sozialen Netzwerken. Verschiedene Studien heben die besorgniserregenden Auswirkungen dieser Abhängigkeit hervor, die ihrerseits zu einer zunehmenden Entfremdung von menschlichen und gesellschaftlichen Belangen beiträgt. Der Blick ist stets auf das Smartphone gerichtet – selbst beim Überqueren der Straße, wobei sie Gefahr laufen, von einem Wagen erfasst zu werden.
Zu den wichtigsten psychologischen Folgen zählt die nachlassende Konzentrationsfähigkeit, die meiner Ansicht nach eines der größten Hindernisse für das humanitäre Engagement junger Menschen darstellt. Auf kognitiver Ebene lässt sich zudem eine deutliche Abnahme des kritischen Denkvermögens beobachten. Im sozialen Bereich zeigen sich Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie eine Tendenz zur ausgeprägten Isolation. Dies führt dazu, dass sich viele Jugendliche ausschließlich auf ihre eigenen Bedürfnisse konzentrieren und keinerlei Verantwortung für andere empfinden. Man kann sich auch fragen, ob dieser Mangel an Empathie und Aufmerksamkeit für andere nicht zu einem großen Teil auf das familiäre Umfeld zurückzuführen ist, in dem viele Jugendliche aufwachsen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Eltern, ganz auf ihre Karriere konzentriert, die Aufgabe, ihre Kinder den ganzen Tag über zu beschäftigen, an die Schule und an das Fernsehen delegieren. Im Familienleben mangelt es zunehmend an gemeinsamen Erlebnissen, an wertvoller Zeit füreinander und am Dialog – bis hin zu dem Punkt, dass Eltern und Kinder in manchen Familien nicht einmal mehr gemeinsam essen. Ganz zu schweigen von einem Austausch über ihre Ansichten.
Wer ermutigt junge Menschen unter diesen Umständen noch dazu, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken? Wer eröffnet ihnen die Welt und die Vielfalt der Realitäten, aus denen sie besteht? Wir müssen die Art und Weise, wie wir junge Menschen begleiten, neu überdenken. Es ist dringend notwendig und von grundlegender Bedeutung, sie wieder mit der realen Welt zu verbinden und wirklich für sie da zu sein: indem wir mit ihnen ins Gespräch kommen, ihr Allgemeinwissen fördern und ihren kritischen Geist anregen.
Im Grunde möchte ich jedoch glauben, dass wir es nicht mit einer verlorenen Generation zu tun haben, der es an Menschlichkeit mangelt. Vielmehr sehe ich junge Menschen, die orientierungslos und einer Reizüberflutung ausgesetzt sind und denen es an Begleitung fehlt. Das Problem ist nicht ein Mangel an „Herz“, sondern ein Mangel an Verbindung – eine Verbindung zur realen Welt, zu echten Menschen sowie zu Leid und komplexen Lebensgeschichten, die sich nicht auf einem Bildschirm abbilden lassen. Wenn wir uns menschlichere junge Menschen wünschen, müssen wir ihnen vorleben, was das bedeutet. Wir müssen ihnen Zeit, ein Vorbild und Gelegenheiten bieten. Sie müssen spüren, dass sie wichtig sind, dass ihre Anwesenheit etwas bewirkt und ihr Beitrag einen Sinn hat. Menschlichkeit entsteht nicht auf dem Smartphone; sie wächst im persönlichen Kontakt, im Miteinander, im gelebten Zeugnis und im Vorbild.
Vielleicht lautet die Frage nicht nur: Welche Generation bilden wir da eigentlich heran? Sondern vielmehr: Welche Erwachsenen sind wir für sie? Denn Erziehung zur Menschlichkeit ist keine bloße Rede, sondern gelebter Alltag. Ich möchte glauben, dass es noch nicht zu spät ist. (Leonor Marques Rodrigues, C’l’Europe. 29.09.2026)
