Auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung

Trump had a dream.“ Donald Trumps Traum ist es, mit seinem russischen Partner Wladimir Putin ein russisch-amerikanisches Weltbündnis zu errichten. Der Kremlchef hat endlich ein „Alter Ego“ jenseits des Atlantiks gefunden, das ihn „versteht“. Er hat einen Retter. Trump übernahm 2024 in Amerika die Macht, legal durch eine Wahl, genau wie Wladimir Putin 2001 in Russland. Wer könnte daran zweifeln?

Ihr gemeinsamer Vorteil ist der Besitz eines Atomarsenals, das den Planeten sprengen könnte. Sie streben außerdem danach, wenn möglich, die restliche Welt zu „entnuklearisieren“. Wer könnte es ihnen verdenken? Es ist ein tugendhaftes Ziel. Vorbild ist das russisch-amerikanische „Abkommen“ vom 14. Januar 1994, das das ukrainische Atomwaffenarsenal – das drittgrößte der Welt, ein Erbe aus der Sowjetzeit – nach Russland zurückführte. Im Gegenzug erhielt die Ukraine finanzielle Unterstützung von den Vereinigten Staaten und die Anerkennung ihrer territorialen Integrität durch Russland.

1995 wies ein erfahrener Europaabgeordneter mit profunden Kenntnissen totalitärer Systeme, Otto von Habsburg, auf die Falle hin.[1] Wie Kassandra, die ihre trojanischen Landsleute vergeblich gewarnt hatte, prangerte er die Unterwanderung des russischen Staatssystems durch den KGB an. Er wurde ignoriert. Der KGB, in FSB umbenannt, breitete sich in Russland wie eine Pilzinfektion aus.

2007/08 erkannten die Vereinigten Staaten unter George Bush die Falle. Sie hatten aber nicht mehr die Kraft, den NATO-Beitritt der Ukraine durchzusetzen. Geblendet von den Drohgebärden des Kremls, stemmten sich Deutschland und Frankreich dagegen. Wir sehen, was heute mit dem ukrainischen Territorium geschieht. Und das ist noch nicht alles. Ein leibhaftiges trojanisches Pferd, tänzelt im Oval Office des Weißen Hauses, schlägt Kiew das NATO-Eingangstor vor die Nase zu und will die ukrainische Verteidigung mit der Kettensäge verkleinern. Frankreich und Deutschland können ihre damalige Leichtgläubigkeit nur bereuen.

Wir erleben einen Umkehr der Allianzen. Die Vereinigten Staaten haben ihrem Erbfeind Russland, früher UdSSR, die Hand ausgestreckt. Ihre Diplomatie basiert auf Psychologie, nicht auf Politik: „Besänftige den Bären, der dich beißen will, und er wird freundlich zu dir sein.“ Psychologie ist leider oft Wunschdenken. Die Welt wird vom monströsen Ehrgeiz zweier Männer angetrieben: Putin und Trump. Gleich und gleich gesellt sich gern.

Trumps Verrat

Washingtons Hauptziel ist es, Chinas Aufstieg entgegenzuwirken, indem der Würgegriff Xi Jinpings auf Putin gelockert wird. Es geht darum, Russland, das derzeit ein Vasallenstaat Chinas ist, zu befreien und Putins Fehler zu korrigieren, die Ukraine unter dem Schutz einer angeblich „unbegrenzten Freundschaft“ mit China anzugreifen.

Um dies zu erreichen, muss Trump den verblendeten Putin aus dem Krieg in der Ukraine herausholen, wozu ihn Xi ermuntert hat, damit Russland sich selbst dauerhaft schwächt Um in Moskau an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, muss der 47. Präsident der Vereinigten Staaten dem Kreml konkrete Zugeständnisse machen, indem er ihm die von seiner Armee eroberten Gebiete und etwas mehr Land in der Peripherie zuspricht. Um Russland zu retten, muss er auf Kosten der Ukraine und der Europäischen Union den Frieden besiegeln, wie sich ihn Putin wünscht. Trump hofft außerdem, die Ukraine gemeinsam mit Putin auszubeuten. Amerika kassiert beim Wiederaufbau die Rendite und er entzieht den Großteil des in Europa eingefrorenen russischen Kapitals der europäischen Kontrolle. Warum nicht? Europa gibt immer nach. Alle weichen vor Amerika. 

 Die Willigen, ein Stolperstein

Die von Macron, Merz und Starmer zur Unterstützung der Ukraine gegründete europäische „Koalition der Willigen“ ist das größte Hindernis für Trumps Plan. Gäbe es keine EU, keinen Eurocorps, so könnte der Amerikaner die Ukraine, Georgien und Moldawien problemlos Russland überlassen. Möglicherweise auch europäische NATO-Staaten, die bereits mit Russland verbündet sind, wie Ungarn und die Slowakei. Rumänien und die drei baltischen Staaten stehen auf der Liste der Optionen. Um dies zu erreichen, muss Trump die Europäische Union spalten, England von ihr wieder trennen, wie es ihm mit russischer Hilfe 2017 gelungen war und sie zu einem US-Vasallenstaat degradieren.

Noch gravierender ist es, dass Trump sein eigenes Land verrät, indem er Harry Trumans und George Kennans  Eindämmungspolitik demontiert, die 1950 Grundlage der NATO-Strategie war, um die UdSSR in Schach zu halten, ohne einen Krieg zu riskieren. Diese Politik errang in den Jahren 1989-1991 den Sieg über den Sowjetblock und beendete damit den Kalten Krieg ohne blutige Kriegshandlungen in Europa. Nur Spionage und Propaganda waren auf der Tagesordnung gewesen. Putin hat sich psychisch davon nicht erholt. Er korrigiert die Geschichte, in dem er den Krieg in Europa auslöst, den seine weiseren Vorgänger Gorbatschow und selbst Breschnew gemieden hatten. Putin war nie Soldat. Er besucht nicht die Front. Er ist wie sein Held Stalin ein Papiertiger.

Er setzt sicher darauf, dass Russland noch nie in der Geschichte vom Westen besiegt wurde. Das mag ihn ermutigen. Doch eines hat sich zum Nachteil der Räuber im Osten geändert. Paris und Berlin (und Wien) sind seit 1950 keine „Erbfeinde“ mehr und so wird es ewig bleiben. Die deutsch-französische Freundschaft ist unumkehrbar. Hinzu kommt das „Weimarer Dreieck“: Frankreich, Deutschland und Polen wurden vereint. Das hatte der kluge deutsche, langjährige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (1927-2016) geschmiedet.

Die neue globale Viererwelt

Trumps zweites Ziel ist es, die BRICS-Staaten unter Putins Führung zu beherrschen, Angeführt von Indien, dem gemäßigten Rivalen Chinas und dessen derzeitigem Präsidenten, bilden die BRICS zwar ein gigantisches, aber fragiles System. Über drei Kontinente verteilt haben sie außer Hass gegen den Westen keine gemeinsame Grundlage. Ihre Gigantenstaaten Nigeria und Brasilien haben Probleme, die ihrer Größe entsprechen. Doch Putin und Trump wollen in der zersplitterten Welt, die der Kalte Krieg hinterlassen hat ein globales Viererbündnis schaffen:

1. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation in der Führungsposition;

2. Volkschina, geachtet, aber von allen Seiten eingedämmt, insbesondere im Pazifik. Es ist und bleibt die führende Werkstatt der Welt und stärkt seine Position schrittweise, aber seine Bevölkerung geht zurück nimmt ab;

3. Die BRICS-Staaten als Speerspitze des globalen Südens – asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Nationen –, sind zersplittert und eng mit dem Islamismus verflochten, sowohl mit Schiiten (Iran) als auch mit Sunniten (in Nordafrika, in der Golfregion in Mittelafrika; dazu gehört am Rande  die islamistische Diaspora in Europa und  Erdogan, der die Kunst beherrscht, zwischen allen Stühlen zu sitzen);

4. Ein geographisch geeintes – aber geschwächtes Europa, als Klient der USA, wo man von Kind auf nur noch Globisch-Englisch spricht, singt, lernt und studiert

Die Europäische Union würde nur noch ein gackernder Hühnerhof unter amerikanisch-russischer Schirmherrschaft sein mit England an der Spitze als Vertreter der amerikanischen Vorherrschaft sein.  

Die Vereinigten Staaten, deren unaufhaltsamen Niedergang einige Europäer, insbesondere Neo-Gaullisten in Frankreich, voraussagten, verfügen weiter über die technologische, militärische, Weltraum- und biomedizinische Überlegenheit. Um die territoriale Größe seines Partners zu erreichen, will Trump sein Territorium durch die Annexion von Kanada und Grönland sowie des Panamakanals, der die beiden Ozeane verbindet, erweitern.

Russland hat das Weltraumrennen verloren und wird nie Trotskys oder Lenins Ziel erreichen, die Menschheit ideologisch zu beherrschen. Es besitzt jedoch riesige, Erz- Kohlenwasserstofflagerstätten und landwirtschaftliche Gebiete, die durch den Klimawandel urbar gemacht werden. Es verfügt zudem über eine verbliebene militärische Expertise.

Putin will mit US-amerikanischer Hilfe seine industriellen Kapazitäten ausbauen und seinen Einfluss auf die EU festigen, die er zu entmachten versucht. Dies will er erreichen, indem er die Ukraine, Moldawien und Georgien, wo er Fuß gefasst hat, russifiziert, und aus der  Slowakei, Ungarn, Serbien und sogar Rumänien sowie aus den baltischen Staaten Satellitenstaaten machen. Es ist ein Skandal, dass der flächengrößte Staat der Erde noch mehr Gebiete auf Kosten anderer Völker und Kulturen beherrschen will und Zivilisten im Nachbarland des Nachts ermordet. Wenn Trumps Stellvertreter, J.D. Vance, versucht, die Ansprüche Putins auf Rumänien vor der Weltgemeinschaft zu rechtfertigen, ist es der Gipfel.

Trump machte eine erste waghalsige Geste in Richtung seines Bündnisses mit Putin am Freitag, dem 15. August 2025, als, er  ihn auf dem Rollfeld der Elmendorf-Richardson Air Force Base in Alaska, einem symbolträchtigen Gebiet, das bis 1867 russisch gewesen war, feierlich und freundschaftlich empfing. Sie tauschten einen historischen Handschlag vor einem Treffen aus, das zwar keine konkreten Ergebnisse brachte, aber die globale politische Landschaft veränderte. Das magere Ergebnis der Begegnung wurde im Westen als Misserfolg für Trump gewertet. Ganz falsch! Denn es war nicht das Ziel gewesen. Das Ziel war Putin wieder salonfähig zu machen.                             


[1] Otto de Habsburg. « Le Nouveau défi européen. Conversations avec Jean-Paul Picaper. Verlag Fayard. Paris. 2007.


Das Ergebnis wurde am 18. November vom Nachrichtenportal „Axios“ veröffentlicht. Der Artikel enthüllte, dass das Portal Zugang zu Trumps vorgeschlagenem 28-Punkte-Friedensplan erhalten hatte. Dieser sah vor, den NATO-Beitritt der Ukraine zu sperren ; Russland die gesamte Ostukraine und die Krim (ein Viertel des Territoriums) zuzusprechen ; die ukrainische Armee zu halbieren. Der Plan stieß bei europäischen Staats- und Regierungschefs, Kanadas und Japans auf Kritik. Er wurde am 23. November in Genf zwischen den USA, der Ukraine, Deutschland, Frankreich und Großbritannien erörtert.

Die E3-Staaten (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) überarbeiteten den Plan. Sie forderten den NATO-Beitritt der Ukraine, der von den USA zunächst abgelehnt worden war ; lehnten die Reduzierung der ukrainischen Armee ab ; waren mit den territorialen Zugeständnissen nicht einverstanden. Linguisten vermuteten, dass der Plan eine Abschrift von Kreml-Forderungen war, die von Trumps Gesandtem Steve Witkoff, der offensichtlich enge Kontakte zu seinen russischen Gesprächspartnern pflegte, übermittelt worden war. Einige Passagen waren sogar fehlerhafte englische Transkriptionen russischer Formulierungen, die von Putins Team entworfen worden waren.


Putin hatte sein Ziel erreicht, als Trump tat für ihn, was er selbst nicht tun konnte. Die Tatsache, dass der mächtigste Staatschef der Welt ihn so empfing, hatte ihn von seinem Ruf als Völkermörder reingewaschen. Der Trick dabei ist, dass der ukrainische Präsident Selenskyj und seine europäischen Verbündeten von Washington und Moskau zu Kriegstreibern gemacht werden, während  Putin mit Trumps Segen sich zum Friedenstaubenzüchter profiliert.

Die Veröffentlichung von Trumps 28-Punkte-Plan am folgenden 21. November, der im Kreml ohne Konsultation der Europäer und der Chinesen ausgearbeitet wurde, setzte einen dubiosen Prozess in Gang, der als Friedensverhandlungen bezeichnet wurde. Putin fühlte sich nicht länger von den Vereinigten Staaten bedroht. Er drohte Westeuropa insgesamt mit einem Krieg. Es war wie immer bei Putin Bluff aber so direkt hatte er Westeuropa noch nie gedroht. Sowas muss ernst genommen werden. Europa ist gefährdet. Darüber hinaus, verliert China seinen Einfluss auf Putin, da die USA ihn nicht mehr bedrohen. Dabei hatte ihn China bisher davon abgehalten, Atomwaffen einzusetzen. Schließlich gerät Selenskyj ins Wanken und das an Russland grenzende Europa ist nicht länger vor dem russischen Haudegen geschützt.

 „Inimicus intra muros.“ [1]

Glücklicherweise hat sich Europa weder Trump noch Putin zu Füssen geworfen. Angesichts finanzieller Schwierigkeiten und unzureichender Waffenbewaffnung ist Europa jedoch umso verwundbarer, als es nun die Last der Ukraine-Unterstützung allein tragen muss. Es liefert Waffen an die Ukraine und muss die für die Ukraine in den USA gekauften Waffen bezahlen. Putin weiß das. Er will noch mehr ukrainisches Gebiet gewinnen. Doch sein Vormarsch in der Ukraine ist schleppend, und jeder eroberte Quadratkilometer kostet ihn täglich 1.000 Soldaten.

Trump und seine Kumpane lassen die Ukraine im Stich, um die EU zu zwingen, möglichst viel von Putins Bedingungen zu akzeptieren. Der Plan wurde angepasst, da Europa weniger gespalten ist als von Trump erwartet. Doch die russischen Bombenangriffe in der Ukraine nehmen zu. Aufgrund des Fehlens eines europäischen Militärbündnisses sind wir nicht imstande, Vergeltung zu üben. Wir verließen uns auf die NATO. Aber wer hätte Trumps Verrat vorhersehen können? Der Kern der Sache ist, dass die Europäer und Selenskyj, nun von Putin als Kriegstreiber abgestempelt werden.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Trump-Plan vom Kreml gemeinsam mit dem Weißen Haus von Beginn der Trump-Ära an ausgearbeitet wurde, vielleicht sogar vor Trumps Wahl zum Präsidenten am 5. November 2024. Was als Fehler der Trump-Administration oder als Trumps Ignoranz abgetan wurde, spiegelte konkrete Verpflichtungen wider, von denen die NATO-Partner nichts wussten. Einige Personen, wie der französische General Michel Jakowlew, warnten uns, doch Politikwissenschaftler und Militärs hielten dies für übertrieben.

Europa, nun von zwei Fronten bedroht – extern und intern durchdrungen von Desinformation und Cyberkriegsführung, (in Frankreich durch Persönlichkeiten wie Dupont-Aignant, Florian Philippot und andere Putin-Versteher beeinflusst), muss sich unverzüglich zusammenraufen. Wir können nicht länger, wie seit einem halben Jahrhundert, von einem „starken Europa“ sprechen, ohne die Mittel dazu zu haben.

Erstes Gebot: Unsere Unabhängigkeit wahren und uns gegen die Verlockungen Washingtons und Moskaus immunisieren.

Zweitens: Putins Armee von den Grenzen des freien Europas zurückdrängen.

Drittens: Sich auf den Kampf an zwei Fronten vorbereiten: um unsere Werte, die Putin untergräbt,  zu verteidigen und unser Leben und das unserer Kinder zu retten.

Die EU ist Putins Zielscheibe. Trump wäscht seine Hände in Unschuld. Nur die EU kann Alarm schlagen. Die Lage ist dringlich. Es ist fast Mitternacht auf den Uhren der Freiheit.

Jean-Paul Picaper, „C’l’Europe.Conférence Paneuropéenne de Strasbourg.“ 5.12.202.)


[1] « Die Feinde sind zwischen unsere Mauern  eingedrungen ».


Günstige Zufälle

Niemand scheint einen Zusammenhang zwischen der Verschärfung von Putins Krieg in der Ukraine, vor allem zwischen den verstärkten russischen Angriffen auf ukrainische Wohnhäuser und Trumps Verhandlungen mit Moskau zu erkennen. Der amerikanische Präsident gab sich scheinbar empört wegen der Bombenangriffe des Russen und bezeichnete Putin als „verrückt“. Aber Verrückte sind normalerweise unschuldig.

Niemand hinterfragt auch den seltsamen Zufall, dass ein skandalöser Korruptionsfall im engsten Umfeld des ukrainischen Präsidenten genau in dem Moment aufgedeckt wurde, als Trump von ihm forderte, dass er dem Kreml Zugeständnisse macht. Dabei befindet sich die Untersuchungskommission unter US-Einfluss. Der Zufall war wirklich hilfreich. Als eine Journalistin Trump danach fragte, antwortete der amerikanische Präsident in seinem Flugzeug kurz und bündig: „Davon rede ich schon seit drei Jahren“. Leider war das bisher nicht aufgefallen.

Normalerweise hätte Zelensky zurücktreten müssen. Sein engster Berater Andriy Jermak diente als Sündenbock und wurde entlassen. Die Europäer, insb. Emmanuel Macron haben den ukrainischen Präsidenten unterstützt. Merkwürdigerweise kam diese  Enthüllung wie von Trump und Co. und von Putin und Genossen zum richtigen Zeitpunkt gerufen.